Karin Schäufler als Gewinnerin im Oktober 2011

beim Autorenwettbewerb der Zeitschrift für Autorinnen und Autoren "Federwelt" (Uschtrin Verlag).

Im Juni/Juli 2011 erfolgte der Aufruf, eine Geschichte (8.000 Zeichen) mit der Vorgabe: Drei Frauen treffen sich zum Picknick im Tierpark - und was geschieht dann? zu schreiben. Eingereicht wurden insgesamt 133 Texte, eine ausgewählte Jury entschied sich letztendlich für 2 Gewinner-Geschichten. Eine davon ist

"Das Fischkatzenfiasko" von Karin Schäufler!!!

Veröffentlicht ist die Geschichte "Das Fischkatzenfiasko" in der Federwelt (www.federwelt.de), Ausgabe Oktober/November 2011 und hier auf dieser Seite:

Das Fischkatzenfiasko

Wie jeden Freitag wollten sich Usche, Anne und Ulla nach Feierabend eigentlich im Café am Schlossplatz treffen. Aber es sollte in dieser Woche anders kommen…
Anne hatte morgens im Bus ein Gespräch mitgehört, das ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. Also rief sie in der Mittagspause auf dem Firmenklo sitzend ihre Freundin Usche an, die gerade im Begriff war, in ein verheißungsvolles Thunfischsandwich zu beißen.
„Hast du schon mal eine Fischkatze gesehen?“, fragte Anne und stellte dabei entsetzt fest, dass die Klopapierrolle leer war.   
„Eine Fischkatze? Was soll’n das sein? Ist wahrscheinlich eine Fischart, oder?“, antwortete Usche und starrte hungrig auf das Thunfischsandwich auf ihrem Schreibtisch.
„Scheiße!“, schimpfte Anne.
„Wieso Scheiße? Müsste ich denn wissen, was eine Fischkatze ist?“
„Nee, Klopapier ist leer“, schnaufte Anne. „Ich ruf’ noch mal an!“

Während Anne auf der Toilettenschüssel sitzend überlegte, wie sie ihr Klopapierproblem lösen sollte, biss Usche herzhaft in das Thunfischsandwich und wählte Ulla an, die sich gerade im vollgestopften Aufzug der Universität befand.
„Sag’ mal, hast du schon mal von einer Fischkatze gehört?“, fragte Usche und stellte fest, dass das Thunfischsandwich widerlich schmeckte.  
„Fischkatze? So was gibt es doch gar nicht, oder?“, antwortete Ulla.
„Scheiße!“, schimpfte Usche.
„Wieso denn Scheiße? Müsste ich denn wissen, was eine Fischkatze ist?“
„Nee, der Fisch ist schlecht. Und mir auch“, sagte Usche und verspürte einen Brechreiz. „Ich ruf’ dich noch mal an.“

Mittlerweile war der Aufzug auf der dritten Etage der Universität stehengeblieben und das Rein- und Rausgequetsche ging wieder los. Ulla seufzte tief, als sich der Herr neben ihr räusperte.
„Sie sprachen doch gerade von einer Fischkatze. Von so einer ab’ ich heute Morgen zufällig was im Radio gehört. Im Tierpark haben die angeblich Fischkatzennachwuchs bekommen. Aber mehr weiß ich auch nicht.“
Ulla raunte ein Danke, flüchtete im ersten Stock aus der stickigen Enge des Aufzuges und rief Anne an.

Anne saß noch immer auf der Toilettenschüssel und hypnotisierte abwechselnd die leere Klopapierrolle und den Spalt unter der Tür. Sollte jemand den Toilettenraum betreten, dann würde sie aus ihrer Kabine heraus SOFORT um Papier winseln. Es kam aber keiner, dafür ein Anruf von Ulla.
„Sag’ mal, hast du schon mal was von der Fischkatze im Tierpark gehört?“, fragte Ulla.
„Jetzt hör’ ich heute schon zum zweiten Mal von dem komischen Scheißvieh“, raunzte Anne völlig entnervt. „Ich bräuchte dringend Scheiß Klopapier und keine Scheißfragen. Oh Scheiße. Äh, Moment mal…“

Die Eingangtür hatte sich geöffnet und ein Schatten wurde unter der Türritze sichtbar.
„Hallo!?“, rief Anne verzweifelt. „Entschuldigung, aber könnten Sie mir bitte Klopapier geben? Hier ist keins! Das wäre wirklich nett!“
„Keins da. Nirgends“, kam kurz darauf eine Antwort zurück. „Ich schieb’ Ihnen meine Zeitung unter der Tür durch. Besser als nix, oder!?“
„DANKE! Vielen Dank!“, jubelte Anne, angelte nach der Zeitung auf dem Boden und sagte gleichzeitig in ihr Handy: „Ulla? Bist du noch da?“
„Ich heiße nicht Ulla, sondern Bernadette“, kam es aus dem Toilettenraum.
„Nicht Sie! Ich meine meine Freundin!“
„Ist die auch da drin?“
„Nee, die ist am Telefon und will wissen, was eine Fischkatze ist.“
„Jetzt hör’ ich heute schon zum zweiten Mal von so einem Tier“, ertönte die fremde Stimme. „Mein Mann rief mich vorhin an und fragte nach Fischkatzen. Da wären welche im Tierpark. Und die hätten Nachwuchs bekommen, worüber sogar die Leute an der Uni schon sprechen würden.“
„Den kenn’ ich!“, schrie Ulla ins Telefon. „Der war mit mir im Aufzug!“
„Wer?“, fragte Anne verdutzt und schielte gierig nach der Zeitung, immer noch unverrichteter Dinge nach verrichteten Dingen.
„Mein Mann!“, kam es von draußen.
„Der Mann mit der Fischkatze!“, tönte es zeitgleich aus dem Handy.
„Der Mann hatte eine Fischkatze?“, fragte Anne.
„Nö! Mein Mann hat keine Fischkatze! Er hat danach gefragt“, erklang es irritiert vor der Toilettentür.
„Nee!“, versuchte Ulla aufzuklären. „ICH hab’ mich im Aufzug gefragt, was eine Fischkatze ist! Und der Mann hat erzählt, dass es im Radio – Quatsch - im Tierpark welche gibt!“
Anne seufzte tief, fasste einen Entschluss und dann nach der Zeitung. „Ich ruf’ noch mal an!“, blökte sie ins Telefon. „Und Ihnen da draußen wiederholt vielen Dank fürs Papier! Ich muss jetzt wirklich…“
„Ach, Sie haben noch gar nicht gemusst? Da hätten Sie doch vorher Papier besorgen können. Und dann erst … Also wirklich…“, klang es beleidigt von draußen. Die Tür knallte zu.

„Uff!“, stöhnte Anne und faltete die Zeitung für die verrichteten unverrichteten Dinge auseinander. Und dann folgte nochmals ein „Uff!“, als sie folgende Zeilen las:

 PICKNICK IM TIERPARK
Wegen des unerwarteten und seltenen Nachwuchses bei den Fischkatzen wird am Freitagnachmittag um 17 Uhr zu einem Picknickvergnügen eingeladen…

Anne ließ die Zeitung wieder fallen und wählte sofort Usche an. Die hatte das Thunfischsandwich mittlerweile entsorgt – aus sich selbst und ebenso den Rest auf ihrem Schreibtisch. Nach dem Telefonat war der Stand der Dinge dann folgender: Statt im Café am Schlossplatz würde man sich heute mal im Tierpark treffen. Zwecks Picknickvergnügen und Klärung des offensichtlich spektakulären Fischkatzenphänomens. Soweit, so gut.

Um 17.15 Uhr saßen Usche, Anne und Ulla dann erwartungsvoll auf einer der ausgebreiteten Decken im Tierpark. Usche war es nach wie vor übel und Annes linkes Augenlid zuckte seit der wahrhaft „beschissenen“ Mittagspause unablässig. Ulla hingegen schaute sich vergnügt und neugierig um. Von einer Fischkatze war weit und breit nichts zu sehen. Aber dafür entdeckte sie die Tische mit „Snacks & Sandwichs“ sowie den auskunftsfreudigen Herrn aus dem Uni-Aufzug.

„Da is’ er ja, der Fischkatzenmann!“, rief sie überrascht.
„Oh Scheiße! Dann ist bestimmt auch die beleidigte Zeitungs-Bernadette da“, stieß Anne nervös hervor und dachte an die Druckerschwärze auf ihrem Hintern.
„Sorry“, ertönte es plötzlich von der Picknickdecke nebenan, auf der es sich eine Mutter mit drei Kindern gemütlich gemacht hatte. „Sie sprachen doch gerade vom Fischkatzenmann. Wo ist der denn? Ich seh’ gar keinen!“
„Ich seh’ auch nix“, quäkte der Junge auf ihrem Schoß und steckte den Zeigefinger in die Nase.
Usche kicherte und Annes linkes Augenlid zuckte noch stärker. Usche steigerte sich in einen Lachkrampf hinein, während Ulla der Mutter erklärte, dass es sich bei dem soeben erwähnten Fischkatzenmann um eine Person handelt, nicht um ein Tier.
„Waaaas? Kein Tier? Keine Fischkatze? Das ist ja eine totale Verarschung!“, motzte die Mutter verärgert. Die beiden Töchter fingen an zu heulen, der Bub schnickte einen Popel in Richtung Ulla.
„Igitt! Du kleiner Rotzlöffel!“, schimpfte Ulla angewidert.

Ja, uns so nahm das Fiasko weiter seinen Lauf: Die Mutter legte sich lautstark mit Ulla an, weil sie ihre Familie beleidigt, und sich vom Tierpark auf den Arm genommen sah. Die Töchter vermöbelten indes voller Inbrunst den kleinen Rotzlöffel, was explosionsartig eine Kettenreaktion auslöste und weitere Kinder dazu veranlasste, sich gegenseitig kreischend und tobend anzugehen. Das wiederum rief die Väter mit zorngewaltigen Stimmen und geballten Fäusten auf den Plan, von zeternden Damen ganz zu schweigen.
Usche kotzte mitten im Lachkrampf die letzten Thunfischsandwichbrocken auf die Decke und Anne sah mit Schrecken den Fischkatzenmann samt grimmig dreinschauender Gattin auf sich zukommen, die weithin hörbar „Kein Klopapier“ sagte. Im Nu hatte sich das Gerücht „Es gibt hier keine Fischkatzen! Und auch kein Klopapier! Außerdem sind die Sandwichs schlecht!“ entwickelt und wie ein Lauffeuer verbreitet.
Im Tierpark kam es nun zu einem Aufstand mit Geschimpfe, Geheule, Geschrei und Gekotze, zu einem Tumult mit chaotischen Szenen und etlichen Prügeleien quer durch das Gelände. Die Veranstalter rauften sich die Haare - und den Fischkatzen sträubten sich selbige.